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Häufig entdeckt man beim Betreten der Häuser von Iranern – damit möchte ich manche seit Jahrzehnten im Ausland lebende Iraner nicht ausschließen - Gegenstände, Amulette, Gebete etc., die vor dem „Bösen Blick“ schützen sollen.

Doch was ist der „Böse Blick“? Was gibt es diesbezüglich zu befürchten? Wer besitzt diesen Blick? Wie kann man sich davor schützen? Dies und einiges mehr gilt es im folgenden zu beantworten. 

 

Theorien und Wurzeln

Der wohl am weitesten ausgebreitete und bis zum heutigen Tage existierende Glaube bei Iranern unterschiedlichsten Alters ist der Glaube an den „Böse Blick“. Dieses Phänomen ist jedoch weltweit verbreitet und ist in vielen Kulturen vorzufinden. Die Angst vor den tod- bzw. unheilbringenden Blicken der Mitmenschen ist also durchaus als universell zu bezeichnen, wenn man bedenkt, dass sie sich in verschiedenen, zueinander in keinerlei Verbindung stehenden Kulturkreisen, oft ähnlich entwickelt hat. Durch die weite Verbreitung dieses Glaubens ist die Methodik zur Abwehr des Bösen Blickes vielfältig.  Auch der Fortbestand in den Köpfen der Leute hat sich unterschiedlich entwickelt, wie man am Beispiel Deutschland gut erkennen kann. Während der Glaube an den „Bösen Blick“ auch hierzulande stark verbreitet war, spielt er heute samt dem dazugehörigen Vokabular keine Rolle mehr im Alltagsleben der Menschen.[1]

 

Das Auge hat schon immer eine große, komplexe und vielschichtige Rolle im Leben der Menschen gespielt. Es galt schon immer als das wichtigste der Fünf Sinnesorgane und es spielte als Signalgeber und -empfänger, etwa beim Augenkontakt eine sehr große Rolle und später kamen die psychologischen Aspekte des Auges als „Fenster der Seele“ etc. hinzu.[2] Wir alle kennen die Wirkung von gezielten Blicken etwa bei Vorführungen, Wettkämpfen oder bei ganz gewöhnlichen und alltäglichen Situationen, die Verkrampftheit, Befangenheit, Erröten, Schweißausbrüche, motorische Störungen, Irritationen oder Einschüchterungen (der berühmte Augenkontakt vor Boxkämpfen) verursachen können. Der Neidvolle oder überhebliche bzw. arrogante Blick kann sogar zu Komplexen oder Depressionen führen. Auch an die berühmte Hypnosetechnik mittels magnetisierenden Augen sei erinnert. All diese Phänomene haben zu einer einzigartigen weltweiten Faszination für den Blick geführt.[3] Die Rolle, die das Auge in der Geschichte der Kulturen gespielt hat, war und ist jedoch keineswegs eine ausschließlich positive. Bei der Erforschung und beim Studium der Überlieferungen und Geschichten vieler Völker fällt einem schnell auf, dass die negativen Aspekte des Auges überwiegen.

 

Der deutsche Augenarzt Siegfried Seligmann, der mehrere umfangreiche Arbeiten im Laufe seines Lebens über den „Bösen Blick“ verfasst hat schreibt:

„Aber in allen diesen Geschichten wird das Auge nicht als bewundernswertes Meisterstück eines gütigen Schöpfers hingestellt, sondern vielmehr als ein Organ, dem eine unheilvolle und teuflische Macht innewohnt. Es herrscht allgemein die Anschauung, dass von manchen Augen ein Zauber ausgeht, der auf andere Augen einwirkt und eine solche Macht hat, dass der davon Betroffene sich ihm nicht entziehen kann und deshalb unterliegen und krank werden muss.“[4]

 

Während viele das Verbinden der Augen bei Hinrichtungen als eine rein humanitäre Maßnahme betrachten, behaupten andere, dies sei ursprünglich als Schutzmaßnahme gegen die letzten verfluchenden Blicke des Hinrichtungskandidaten gedacht.

Die unheilbringenden und vernichtenden Kräfte werden dabei nicht nur Menschen mit Missbildungen an den Augen, wie etwa Hohl-, Schiel- oder Glotzäugigkeit, unterschiedlicher Augengröße oder Augenfarbe und schließlich mit besonderen pathologischen Eigenheiten wie Einäugigkeit zugeschrieben, sondern auch normal blickenden Menschen.

 

Es gibt eine Reihe moderner und alter Theorien, die alle das Ziel verfolgen, den Bösen Blick und seine Wirkungsweise zu erklären. Der Kulturethologe Otto Koenig versucht dies mit einer biologischen Theorie zu vollbringen, indem er die Vorstellung des Bösen Blickes auf den „angeborenen auslösenden Mechanismus“, der im Tierreich zu beobachten ist, zurückführt. Seiner Theorie nach orientieren sich Tiere bei Angreifern oder Feinden, die sich nähern oder entfernen am Kopf, und da diese Form von Art zu Art stark divergiert an den Augen, die bei vielen Wirbeltieren und niederen Tierarten annähernd die gleiche Form besitzen. Somit entwickeln die Tiere durch diesen Selektionsdruck, ein angeborenes Reagieren auf Augenformen, die bei menschlichen Säugligen in diversen Versuchen nachgewiesen wurde.[5] Laut seiner ethologischen Definition vom bösen Blick „ (...) sei festzuhalten, dass der kulturelle Komplex >>böser Blick<< ein spezielles, bereits hochritualisiertes, gewissermaßen >formuliertes Glaubensbekenntnis<. eines Gedankenguts ist, das letztlich auf dem biologischen Urgrund der angeborenen Funktion des Auges als Empfänger und Sender von Reizen basiert.“[6] Mit dieser Theorie begründet er die Entstehung von Augenattrappen, das Betonen oder Verstecken von Augen und den Bösen Blick. Jedoch versäumt Koenig in seinem Werk, einen Dialog mit den Gläubigen des „Bösen Blicks“ aufzunehmen und die unterschiedlichsten Ausprägungen, Abwehrmethoden usw. zu begründen und zu erforschen. Stattdessen selektiert und beschneidet er den Untersuchungsgegenstand und arbeitet lieber mit eigenen Filmen und gesammelten Objekten, ohne auf die dynamischen kulturellen Aspekte der Vergangenheit und Gegenwart näher einzugehen.

 

Der Psychoanalytiker Szekely hatte versucht die Blickfurcht einiger seiner Patienten mit der frühkindlichen Augenkontaktaufnahme in Verbindung zu bringen. Dabei bezog er sich wie Koenig auf das Lächeln des zweimonatigen Säuglings beim Anblick von Gesichtern. Er deutete dieses Verhalten als phylogenetisches Überbleibsel des Feindschemas, bei dem das Baby sich bemüht seine archaische Angst zu bändigen und ihr zum Trotz mit der Umwelt in Verbindung zu treten. Die Rückkehr zu dieser Urangst wäre somit als „Achtmonatsangst“, besser bekannt als „Fremdeln“ zu verstehen. Seine These bei den Säuglingen wurde allerdings von Rene Spitz widerlegt, der in einer Versuchreihe mit 300 Säuglingen folgendes belegte: „Der Reiz für die Reaktion des Lächelns bildet sich mit Hilfe eines Prozesses, der dem Lernvorgang ähnlich ist und durch bestimmte typisch menschliche Züge ergänzt wird.“[7] Somit wäre die Mutter die Repräsentantin der Umwelt, welche die Wahrnehmung des Kindes durch auditive, taktile und visuelle Reize schult. Der Versuch, einen solch komplexen, detaillierten, ritualisierten und weltweit so unterschiedlich ausgeprägten Volksglauben, mit dem menschlichen Urinstinkt zu begründen, ohne auf die kulturellen, soziologischen Aspekte einzugehen, wird mit Sicherheit den Anforderungen zur Klärung des Sachverhaltes nicht gerecht. Mag diese Theorie mit der Entstehung der Urangst des Menschen vor dem Blick viel zu tun haben, mit der heutigen Form jedoch hat sie wohl nicht viel gemein.

 

Nun haben weitere Psychoanalytiker, u.a. auch Sigmund Freud, versucht den „Bösen Blick“ zu erforschen. Da ich einige dieser Deutungsversuche gelesen habe und in keiner weise Zusammenhänge mit dem Orient bzw. den Iran, der den eigentlichen Untersuchungsraum stellt, erkannt habe, überspringe ich deren Ansichten und gehe zur sozialanthropologischen Theorie über.

 

In Gegensatz zu den Psychoanalytikern und Koenig, die versucht haben die Wurzeln der Furcht vor dem unheilbringenden Blick von „inneren Kräften“, Instinkten oder Trieben abhängig zu machen, gibt es Ansätze, die diese Angst als Ergebnis der Einflüsse von sozialen und ökonomischen Zusammenhängen der Außenwelt deuten. So auch Foster, der mit seiner Theorie des „limited goods“ einen großen Einfluss auf viele nachfolgende Theorien ausgeübt hat. [8] Seine Theorie besagt, dass jede Gesellschaft das Verhalten ihrer Mitglieder durch die Teilung einer kognitiven Orientierung bestimmt. In traditionellen Bauerngesellschaften ist diese Orientierung, die des „begrenzten Gutes“ bzw. des „limited goods“, welche die Vorstellung aufkommen lässt, dass jede Art von Zuwachs an Besitz- bzw. Reichtümern auf Kosten der Mitmenschen passiert.[9] Das Interesse und die Wachsamkeit der anderen über die Erhaltung des gleichen Niveaus, kommt in der Form von Neid zum Ausdruck und Bewunderung wäre somit als Androhung zu Sanktionen gegenüber dem besser gestellten zu verstehen. Wer den Bösen Blick im Orient kennt, weiß, dass die Geschädigten keinesfalls die ökonomisch besser gestellten sein müssen und dass auch Kinder von der Zauberkraft des Auges betroffen sein können oder Krankheiten darauf zurückgeführt werden. Die ökonomische Bedingung als einziges Kriterium wäre also als unzureichend zu bezeichnen. Nach Überarbeitung und Erweiterung seiner Theorie betrachtet Foster den Neid als allgemein menschliche Eigenschaft und den Bösen Blick als dessen symbolischen Ausdruck.[10] Seine Theorie wechselte also innerhalb der Jahre richtigerweise von der Herleitung des Neides aus ökonomischen Gründen, zur Herleitung aus einer allgemeinen menschlichen Gefühlslage. Dennoch ist auch diese Theorie unzureichend, um alle Aspekte des Bösen Blickes zu erklären, denn aus eigener Erfahrung weiß ich, dass keineswegs nur der Neid als Verursacher des Bösen Blicks im Iran, in Frage kommt.

 

Die meiner Meinung nach geeignetste Methode, die Angst vor dem Blick mit einer Theorie zu begründen, beschreiben die sogenannten „Interdisziplinären Ansätze“[11], da sie die vielen, von unterschiedlichen Fachkreisen herausgearbeiteten Theorien auf der Suche nach Antworten vereinen. So schreibt z.B. Brian Spooner, dass „...die Vorstellung des bösen Blickes eine institutionalisierte, psychologische Ausdrucksform zur Personalisierung oder besser Verkörperung des Unglückes zu sein scheint. Das Unglück ist dabei besonders mit den Ängsten und Neidgefühlen der Umwelt zu verbinden. (...) Warum gerade der >böse Blick< (und nicht die >böse Zunge< oder >der böse Atem<) weltweit verbreitet ist, bleibt wohl eher eine psychologische als soziologische Fragestellung“[12] Seinen Ansätzen fehlt jedoch die Einbringung historischer Hintergründe, Glaubensvorstellungen und Religiöser Aspekte.

 

John Rush geht in seinen Thesen und Arbeiten auch noch auf die historischen Aspekte ein und schreibt: „...ein Modell des Perspektivenwechsels wäre hilfreich, wenn wir soziologische, psychologische und historische ... Hintergründe der Glaubensvorstellungen und Praktiken behandeln ... Das mag einigen als methodologische Wahllosigkeit erscheinen, aber für mein Gefühl ist es eine realistischere Methode der Erforschung von Kultur und menschlichem Verhalten.“[13]

 

Im Orient spielen in der Tat ökologische, psychologische, kulturelle und religiöse Zusammenhänge eine Rolle. Der Glaube an den bösen Blick ist somit als eine Matrix, bestehend aus vielen Elementen zu verstehen, deren Wirkungsweise in den Köpfen der Menschen unterschiedlich ausgeprägt ist und deren Fortbestand ebenso verschieden verläuft.

 

Neben vor- und nichtislamischen, ökologischen, soziologischen, kulturellen und psychologischen Elementen, sind jedoch Aussprüche des Propheten Mohammad und der Koran ausschlaggebend für die Verbreitung, Aktualität und Rechtfertigung des „Bösen Blickes“ in den islamischen Ländern. Es finden sich neben anderen Phänomenen und Erscheinungen Hinweise auf den „Bösen Blick“ im Koran, der seinerseits eine der wichtigsten Grundlagen im religiösen Leben   eines jeden Gläubigen Muslims darstellt. Diese Tatsache leistet einen enormen Beitrag zur Ausprägung dieses Volksglaubens im Islam. So werden in Sure 113 („Das Morgengrauen“) und Sure 114 („Der Mensch“) mehr als deutlich auf das Wirken der Mächte, welche von übelwollenden Menschen hervorgerufen werden, hingewiesen. Der genaue Wortlaut dieser beiden Suren sind im folgenden Abschnitt zu lesen.

 

Auch vom Propheten der Muslime Mohammad wird berichtet, dass er an den „Bösen Blick“ geglaubt habe. So heißt es in einer Überlieferung von ihm: „Der Mensch besitzt in seinem Blick und in seiner Stimme eine gewaltige Macht, mit der er viel Gutes und viel Übles tun kann.“[14] In einer weiteren Aussage, die dem Propheten zugeschrieben wird, heißt es: „Die Wirkung des Blickes ist wahr, und wenn es in der Welt etwas gäbe, was schneller gehen könnte als das Schicksal, so wäre es der Schlag des Blickes“.[15] Daraus wird ersichtlich, dass man in Arabien vor dem Islam bereits an den „Bösen Blick“ geglaubt hat und durch die Aussprüche des Propheten und gewisse Passagen des Korans sehen sich Moslems auch heute dazu veranlasst, an die Wirkung des „Bösen Blicks“ zu glauben, denn diese ist nicht nur durch alte Tradition, Kultur und Überlieferungen, sondern auch durch Gottesabgesandten und Gottes Wort bescheinigt.

 

 Der Böse Blick im Iran

Verwendete Begriffe und Beispiele

 

Wenn man im Iran über den „Bösen Blick“ spricht, stößt man auf insgesamt 3 Begriffe,: „cheshme shur“, was soviel bedeutet wie „das salzige Auge“, „cheshme zakhm“, was soviel bedeutet, wie „das Auge, das verwundet“ und „cheshme tang“, was „das schmale Auge“ bedeutet.[16] In diesen 3 Ausdrücke kommt das Wort Auge vor. Ein anderer Begriff, der im Zusammenhang mit der Zauberkraft des Auges fällt, ist „nazar“, was soviel wie „Berufen“ bzw. „einen Zauber bewirken“ bedeutet.

 

Ich werde nun zunächst auf die oben erwähnten Begriffe eingehen. Mit Personen, die über das salzige Auge verfügen, sind diejenigen gemeint, die etwas bestaunen und durch ihre lobenden und preisenden Worte ungewollt etwas schlechtes bewirken. Das heißt, wenn deren Augen etwas ästhetisches, niedliches, herausragendes ... auffällt, sei es ein Kind, ein Pferd oder eine schöne Vase, dann tritt eben die Zauberkraft ihres Auges in Kraft und verursacht etwas schlechtes. Diese Personen verfügen über ein Auge, das im Besitz einer Zauberkraft ist, die im Stande ist Unheil zu bringen, auch wenn diese Person keine böse Absicht in sich trägt. Es wird von Müttern berichtet, die ihre eigenen hübschen oder besonders niedlichen Kinder so sehr bestaunen und so häufig aussprechen, wie schön oder süß ihre Kinder sind, dass ihr salziges Auge bewirkt, dass ihre Kinder krank werden, sich verletzen oder im schlimmsten Fall gar den Tod finden.[17] Thomas Hauschild schildert in seinem Buch „Der böse Blick“ von süditalienischen Müttern, die ihre Kinder nicht zu lange anschauen, um einen möglichen Zauber zu vermeiden.

 

Meine Tante behauptet, ihr Mann hätte ein besonders salziges Auge. Ihr beliebtestes Beispiel dafür ist folgender Vorfall: Als meine Tante und ihr Mann gemeinsam auf der Straße unterwegs waren, fiel ihrem Mann ein Mädchen mit selten langen Beinen auf. Im selben Augenblick als er meiner Tante sagte, sie solle doch mal schauen, was das Mädchen für lange Beine habe, knickt dieses um und ging weinend vor Schmerzen zu Boden. Übertrieben und leicht scherzhaft behauptet man von Personen, die über ein besonders salziges Auge verfügen, dass, falls sie einen Vogel, der vorbeiflöge wegen dessen Schönheit bestaunten, dieser tot vom Himmel fallen würde.

 

Der Begriff „cheshm zakhm“ wird bei allen von einem Bösen Auge verursachten Schäden verwendet. Wenn man Maßnahen trifft, um sich oder andere vor den Blicken anderer zu schützen, heißt es dann: „Nun bist Du vor dem Auge, das verwundet, geschützt.“ Hier spielt häufig die Angst vor Neid und Missgunst der Mitmenschen, welche die verletzende Wirkung ihrer Augen in Kraft setzen können, eine wesentliche Rolle. Aber auch das salzige Auge des Nachbarn könnte eine verletzende Wirkung haben. Anders als bei Personen mit dem salzigen Auge, die wie bereits erwähnt, ohne böswillig zu sein die Zauberkraft ihrer Augen – in vielen Fällen sogar unwissentlich – zur Wirkung bringen, existiert also bei der Verwendung des Begriffes  „cheshm zakhm“ häufig ein Motiv.

 

Das schmale Auge beschreibt ebenfalls das Auge, das einen Zauber auf der Grundlage von Habsucht, Neid und Missgunst herbeiführen kann. Mit anderen Worten: jemand, der „cheshm tang“ ist, gönnt einem anderen keinen Reichtum, keine schönen Besitztümer usw., da andere etwas besitzen, was er selber gerne besitzen würde. Die Angst vor neidischen Blicken ist sehr groß, da man bekanntlich Neider in jeder Lebenssituation begegnen kann.

 

Ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass der Besitzer eines „Bösen Blicks“ nicht unbedingt Kenntnis über den Besitz seines Blickes haben muss, d.h. es gibt Personen, die über einen solchen Blick verfügen, ohne überhaupt darüber Bescheid zu wissen. Sie besitzen zufällig ein Auge, das über eine übernatürliche Macht verfügt, die Schaden anrichten kann wofür der Besitzer des Blickes nicht die Schuld trägt.[18] Es gibt Personen, die mit diesem Blick auf die Welt kommen. Ausschlaggebend dafür ist ihr Sternzeichen oder der Stern, der zu ihrer Geburtsstunde aufging. Es herrscht die allgemeine Meinung, dass nur sehr wenige Menschen über ihren „Bösen Blick“ Bescheid wissen. Es besteht auch die allgemeine Meinung, dass diejenigen, die über Wirkung ihres Blickes Bescheid wissen nicht unbedingt in der Lage sind ihn zu kontrollieren. So wird von Personen berichtet, die ihre Mitmenschen bitten, in ihrer Anwesenheit nichts schönes oder besonderes zu zeigen, da sie sonst ungewollt eine Gefahr heraufbeschwören könnten.[19] Des weiteren möchte ich erneut untermauern, dass nicht nur das Auge des Neiders anderen Unglück bringt, sondern auch das Auge des Bewunderers bzw. der liebende Blick, da er u.a. die Missgunst böser Geister wecken und sie dazu motivieren könnte, anderen Schaden zuzufügen. [20] Siegried Seligmann unterscheidet in diesem Zusammenhang zwischen folgenden Tatbeständen:

1)      Augenzauber

2)      Augenzauber und Neid

3)      Augenzauber und Berufen

4)      Berufen

5)      Berufen und Neid

6)      Augenzauber und Berufen und Neid[21]

 

In der Tat sind die Erklärungen, die mir Perser unterschiedlichen Alters gegeben haben, um ihre Sicht und ihr Denken über den Bösen Blick zu veranschaulichen so verschieden wie die 6 von Seligmann beschriebnen Möglichkeiten. Während die einen Neid und Missgunst in den Vordergrund stellen, machen andere Augenzauber oder „nazar“ für die Wirkung des Blickes verantwortlich. Es gibt in der Tat keine allgemeingültige Vorstellung über die Wirkungsweise des Blickes. Einig sind sich alle jedoch über die Existenz und über die Auswirkungen.

 

Nazar ist wie bereits geschrieben mit „Berufen“ gleichzusetzen. Das Berufen war in Deutschland ebenfalls unter dem Synonym „Beschreien“ bekannt. Mittels nazar können allerdings auch Objekte Opfer von Zauberkräften werden, die von den auslösenden Personen gar nicht direkt gesehen wurden. Hier spielt das Gerede eine wichtige Rolle. Wenn jemand etwas besonderes sieht und es anderen weiter erzählt, können nun diese anderen einen Zauber bewirken, ohne das Objekt der Begierde mit den eigenen Augen gesehen zu haben. Dieser Zauber kann aufgrund von Neid, Missgunst oder Habgier ausgelöst werden oder wie bereits angesprochen nur durch Faszination, Lob oder preisende Worte.[22]

 

In jeder Familie, Freundeskreis oder Gegend ist mindestens eine Person bekannt, die über einen Blick mit Kräften verfügt. Eine gern erzählte Geschichte der Bevölkerung in einer ländlichen Gegend Irans besagt, dass als die Männer des Dorfes einen Brunnen graben wollten, sie auf einen besonders harten Felsbrocken gestoßen sind, den sie nicht in der Lage waren zu überwinden. Eine der Anwesenden erinnerte sich an einen ihrer Mitmenschen, der für seinen „Bösen Blick“ bekannt war. Er ging zu ihm und bat ihn mitzukommen, um den seltsamen und außergewöhnlichen Stein, auf den sie gestoßen waren zu sehen. Als er am Ausgrabungsort eintraf und man ihm die Härte und Größe des Brockens vergegenwärtigte, gingen folgende Worte über seine Lippen: „Das ist aber ein wirklich ungewöhnlicher Stein“. Im nächsten Augenblick zerbrach der Stein an mehreren Stellen. Die Männer entfernten nun den Stein Stück für Stück.[23] 

 

Welchen Begriff man nun als Betroffener verwendet ist eher zweitrangig. Die Geschädigten wissen ganz genau welche Kräfte im Spiel gewesen sind und sind sich alle über deren Auswirkung einig. Über die Art der Ausübung dieser Kräfte gehen jedoch die Meinungen ein wenig auseinander. So gehen neben der Zerstörung von Gütern und wertvollen Gegenständen alle möglichen Krankheiten und andere physische Leiden, wie Schlaflosigkeit, Erschöpfung, Kopfschmerz, Schwäche, aber auch plötzliche berufliche Erfolglosigkeit (insbesondere nach einer erfolgreichen Phase) und alle möglichen Unfälle auf das Konto des „Bösen Blickes“. Während manche behaupten, der „Böse Blick“ an sich wäre nicht so mächtig und erst durch das Hinzukommen der Worte würde er zu einer richtigen Gefahr, behaupten andere, dass das Auge allein verantwortlich für den Zauber ist und die Worte bloß die Intensität in beiden Richtungen beeinflussen können.[24] In der Tat habe ich durch eine Vielzahl von Gesprächen mit Iranern herausgefunden, dass die erste These die am weitesten verbreitete ist. Auch ich habe im Laufe meines Lebens gelernt, dass der Blick in Kombination mit Worten gefährlich wird. Andererseits ergibt sich die Kombination zwangsläufig, denn der Mensch neigt dazu, seine Bewunderung für etwas auszusprechen und wenn er dies tut, wissen andere, dass ihm etwas ins Auge gestochen ist und hinter jeder Bewunderung kann Neid oder ein Begehren stecken. Auch hier gibt es trotz großer Unterschiede in mancher Hinsicht eine Parallele zu Süditalien, denn dort scheint das Gerede eine ebenfalls wichtige Rolle beim Berufen zu spielen.[25]

 

 

Schutzmaßnahmen

Es gibt keine Sicherheit und keine Garantie vor Blicken mit folgenreicher Wirkung. Deshalb versuchen sich die Iraner immer vor den möglichen Auswirkungen der Blicke zu schützen. Dr. Siegfried Seligmann schreibt: „ Nichts ist vor dieser verderblichen Macht sicher, kein Mensch, kein Tier, keine Pflanze, kein Gegenstand auf Erden, ja sogar Götter und Dämonen, der Erdball, die Luft und die himmlischen Gestirne, kurz die gesamte Natur ist dem Auge untertan und muß sich vor diesem furchtbaren Organ beugen (...) Und aus diesem Stamm des Aberglaubens entwickelten sich allmählich immer neue Äste und Sprossen, bis schließlich jener ungeheure Baum entstand, der heute fast die ganze Erde beschattet, und unter dessen Dunkelheit die geängstigte Menschheit die unglaublichen Mittel erfand, um sich gegen solche Zauberei zu bewahren und deren etwaigen Folgen zu bekämpfen.“[26] Er schreibt, dass alle möglichen Infektionskrankheiten, Augenentzündungen, Syphilis, Kopfweh, verdorbener Magen, Krämpfe, Ohnmacht, Impotenz, Unfruchtbarkeit, Lähmungen, Schwindsucht, Herzleiden und gar der Tod auf das Konto des „Bösen Blicks“ gesetzt werden.[27]

 

Wie in allen anderen Ländern der Welt, in denen man an den „Bösen Blick“ glaubt, haben auch die Iraner unterschiedliche Methoden entwickelt, um sich vor ihm zu schützen. Wie wir sehen werden, sind mancher dieser Methoden auch in anderen Regionen der Erde vorzufinden, eine jedoch ist nach meinen Erkenntnissen typisch für den Iran.

 

Irreführung und Ablenkung

Die einfachste, außerhalb Irans ebenfalls weit verbreitete Methode zum Schutz vor dem „Bösen Blick“ ist das Bemühen möglichst nicht aufzufallen. So zieht man die Blicke anderer nicht an, vermeidet Neid oder Missgunst und unterbindet das Aussprechen von bewundernden  Worte, die wie bereits angesprochen die Zauberkraft des Auge unterstützen. Für diese sehr einfach und äußerst logisch klingende Maßnahme finden sich in der Tat Hinweise im Koran, der allen Gläubigen rät, Ereignisse zu vermeiden, welche Bewunderung oder Überraschungen hervorrufen könnten.[28] So ist in der Sure 12:67 zu lesen: „...“ Die Erklärung hierfür ist, dass elf erwachsene Söhne eines Vaters überall Aufsehen erregen würden und somit auch potentielle Opfer des „Bösen Blicks“ wären, da sie Bewunderung oder Neid verursachen würden.

 

So kommt es manchmal in den ländlichen Gegenden vor, dass Eltern ihren Kindern teilweise schmutzige oder alte und farbenblasse Kleidung zum Anziehen geben, was nicht als Zeichen deren Geizes, sondern als Schutzmaßnahme gegen „salzige Augen“ oder Neider mit einem „Bösen Blick“ gilt.[29] Eltern erzählen, ihre Kinder wären hässlich oder nicht sehr intelligent, um die Bewunderung der anderen zu vermeiden auch wenn ihre Kinder sichtlich hübsch und spürbar intelligent sind. Auch hier habe ich ein Beispiel aus einem nichtorientalischen Raum, nämlich Süditalien, das sich mit dieser Vorgehensweise deckt, finden können. Auch hier wurde von einem gutsituierten Bauern berichtet, dessen einziges überlebendes Kind immer in Lumpen herumlief, um vor den neidischen Blicken der Nachbarn, die den Tod des Mädchens der Familie zur Folge hatte, geschützt zu werden.[30]

 

Halten wir also fest: die einfachste Methodik bzw. magische Abwehrtaktik als Schutzmaßnahme gegen den Bösen Blick ist also das Ablenken bzw. Irreführen. Hinzu kommen Maßnahmen wie Verhüllen und Verschleiern.[31] Man sollte aber bedenken, dass etwas bei anderen Bewunderung oder Neid auslösen kann, auch wenn man nach außen hin betont, man sei bzw. besäße nichts besonders. 


 

Der Koran

Die iranischen Frauen neigen allgemein dazu stets gut angezogen, gepflegt und attraktiv aufzutreten. Gleiches gilt selbstverständlich für ihre Kinder, da die Ehre der Familie und der eigene Ruf als Mutter befleckt wird, wenn das Kind ungepflegt herumläuft. Iraner prahlen in der Regel gerne mit den herausragenden Leistungen ihrer Kinder, seien es schulische oder sportliche, mit deren Schönheit oder wenn ihr Kind etwas amüsantes tun oder z.B. gut tanzen kann. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass man weitere Methoden entwickelt hat, um einen Schutz vor Augen zu gewährleisten.

 

Jemand, der sich oder sein Kind besonders schön anzieht oder hübsch macht, sollte daher, bevor er das Haus verlässt, zwei der vier Versprechen (chahar Qhol) aussprechen, da er sonst möglicherweise dem Bösen ausgesetzt ist.[32]

 

Es existiert zu dieser Schutzmaßnahme eine Geschichte, die besagt, dass eine Frau aus den Reihen der Gegner des Gesandten Gottes Mohammad, eines Tages versucht hat, ihn zu verhexen, indem sie sieben Knoten in einem Seilstück gebunden und auf jedem dieser Knoten ihren Atem geblasen hat, in der Hoffnung durch dieses magische Ritual seinen Einfluss unter den Leuten vermindern zu können. Das Seil jedoch wurde entdeckt und das war der Zeitpunkt, an dem Mohammad die „chahar qol“ – die vier Versprechen“ offenbart wurden. Diese sind die Suren 109, 112, 113 und 114 im heiligen Buch der Muslime dem Koran. So wurde dem Propheten gesagt, dass er solche Personen nicht zu fürchten habe, solange er Gott vertraue.[33]

 

Der Text dieser genannten vier Suren lautet:

Sure 109: „Al-Kāferūn“ (Die Ungläubigen):

Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen.

Sprich: „O ihr Ungläubigen!

Ich verehre nicht das, was ihr verehrt,

Noch verehrt ihr das, was ich verehre.

Und ich will nicht das verehren, was ihr verehrt;

Noch wollt ihr das verehren, was ich verehre.

Euch euer Glaube, und mir mein Glaube“

 

Sure 112 : Al-Ichlās (Die Reinheit)

Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen.

Sprich: „Er ist Allah, der Einzige;

Allah der Unabhängige und von allen Angeflehte.

Er zeugt nicht und ward nicht gezeugt;

Und keiner ist ihm gleich.“

 

Sure 113 : Sure Al-Falaq ( Die Morgendämmerung):

Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen.

Sprich: Ich nehme meine Zuflucht zum Herren des Morgengrauens,

Vor dem Übel dessen, was er erschaffen,

Und vor dem Übel der Nacht, wenn sie sich verbreitet,

Und vor dem Übel der Knotenanbläserinnen,

Und vor dem Übel des Neiders, wenn er neidet.

 

Sure 114: Sure Al-Nas (“Der Mensch”)

Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen.

Sprich: „Ich nehme Zuflucht beim Herrn der Menschen,

Dem König der Menschen,

Dem Gott der Menschen,

Vor dem Übel des schleichenden Einflüsterers-

Unter den Dschinn und den Menschen.“

 

Da im Koran die Worte Gottes verkündet werden, versuchen sich die Muslime durch sogenannte „Schutzsuren“ bzw. „Schutzverse“ vor dem „Bösen Blick“ und weitere böse Einflüsse zu schützen. Die „Vier Versprechen“ und eine andere Stellen des Korans besitzen beschützende Kräfte gegen den „Bösen Blick“. Dies sind u.a. Sure 10:81: „(...) „Was ihr gebracht habt, ist Zauberei. Allah wird sie sicherlich zunichte machen. Denn wahrlich, Allah lässt das Werk der Verderbensstifter nicht gedeihen“, Sure 12:65 und sehr viele mehr, die in den sogenannten „Zauberbüchern“ nachzulesen sind. Es besteht selbstverständlich kein Bedarf, in den sogenannten Zauberbüchern nachzulesen, da die wirksamsten dieser Suren ohnehin bekannt und viele Amulette und Anhänger bereits vorgefertigt zu erwerben sind.

 

Es gibt jedoch auch die sogenannten Gebetsschreiber (ich verwende mit Absicht den Begriff „Magier“ an dieser Stelle nicht, da man niemals in der Landessprache erwägen würde, sie mit dem persischen Gegenbegriff für Magier zu bezeichnen), die für spezielle Bedürfnisse, individuell maßgeschneiderte Schutzmaßnahmen vollbringen. Dies sind Menschen mit Kenntnis über die geeigneten Suren und zu verwendenden Gottesnamen, über die Tageszeit, welche für das Schreiben ausgewählter Gebete am geeignetsten ist, über die Regeln, die man unbedingt beachten muss, etc.. Kurz gesagt ein Gläubiger Moslem, der im wahrsten Sinne des Wortes alle sympathetischen Zusammenhänge der Dinge kennt, sich mit der Religion, mit dem Koran,  religiöse Mystik und Zauberformeln äußerst gut auskennt, sein Leben der mystischen Seite der Religion gewidmet hat und somit in der Lage ist, geeignete Rezepte herauszufinden und sie auch umzusetzen.[34] Kapitel 5 dieser Magisterarbeit ist den sogenannten Gebetsschreiber und vergleichbare Berufsgruppen gewidmet.

 

Hierzu kann ich ein Beispiel aus eigener Erfahrung schildern: Unsere Nachbarn hatten eine sehr junge Tochter von derzeit 2 Jahren, die durch ihr besonders hübsches Gesicht, ihre vollen, glänzenden schwarzen Haare und ihre amüsante Sprechweise und niedliche Art auf jede Person, die ihr begegnete eine bezaubernde Wirkung erzielte, so dass alle sofort ins Schwärmen gerieten sobald sie sie sahen. Ihre Familie, insbesondere jedoch ihre Großeltern machten sich große Sorgen, dass sie ein potentielles Opfer des „Bösen Blickes“ eines ihrer Mitmenschen sein könnte und unternahmen u.a. die Maßnahme, ein Gebet von einem Gebetsschreiber zu holen und dies immer an ihre Kleidung zu befestigen. Eine weitere übliche Form ist, das kleine Stück Papier, auf dem das Gebet geschrieben steht in ein Stück Leder einzunähen oder dieses in eine kleine Box aus Gold, Silber oder Stahl zu stecken und dieses dann als Anhänger einer Halskette zu tragen. Gleiches pflegt man übrigens auch mit kleinen Koranexemplaren oder –auszügen zu tun, da dieser allgemein eine schützende Wirkung vor dem Bösen besitzt.

 


Vermeidungssprüche

Eine andere Art der Vorbeugung von Schäden, verursacht durch den Bösen Blick, ist das Aussprechen von Vermeidungssprüchen zur richtigen Zeit, die unterschiedlich zueinander Verwendung finden.

 

Maschallah

Wenn man das neugeborene Kind eines Nachbarn, Verwandten etc. zum ersten Mal zu Gesicht bekommt, wird von einem erwartet, dass man die Worte Maschallah, was soviel wie „was Gott wünscht“ bedeutet ausspricht. Dies gilt im allgemeinen für alles lobenswerte, bemerkenswerte und besondere.[35] Tut man dies nicht, kann es unter Umständen zur Kränkung oder im schlimmsten Fall zu Streit führen. Diese Worte nämlich sollen das Böse von dem Neugeborenen Kind fernhalten, denn es könnte sich immer eine Person in der Runde befinden, die über ein „cheshme shur“ oder „cheshm zakhm“ verfügt. Gleiches gilt jedoch für alle anderen Kinder, die etwas schönes vorsingen, vortanzen, vorführen oder eine besondere Leistung erbracht haben, über die nun gesprochen wird. Dies gilt in den Dörfern auch für eine Kuh, die besonders viel Milch gibt, ein Pferd, das besonders schnell ist oder auch ein Baum, an dem besonders schöne Früchte hängen. Allgemein kann man behaupten, dass von den Menschen angenommen wird, dass jemand anwesend sein könnte, der bewusst oder unbewusst über einen bösen Blick verfügt, aus dem eine Krankheit, ein Unglück oder eine Verschlechterung  der Umstände resultieren könnte.

 

Die Wurzel für die Verwendung dieser Floskel ist ebenfalls im Koran zu finden.  So heißt es unter anderem in Sure 18:40: „ Warum hast du nicht damals als du deinen Garten betratest, gesagt: „Wie Allah will; es gibt keine Macht, außer bei Allah?“ (...)“[36] Es existieren zahlreiche weitere Stellen des Korans, welche die Verwendung diesen Ausdruckes rechtfertigen.

 

In den ländlichen Gegenden gab es sogar Mütter, die ihre Söhne Maschallah nannten, damit sie fortwährend einen automatischen Schutz besitzen, sobald man sie beim Namen nennt. Donaldson berichtet von einer Mutter, die den Tod ihres Sohnes, dem sie bei der Geburt diesen Namen gegeben hatte auf das Verschulden einer ihrer Mitmenschen zurückführte, der bei dessen Anblick seinen Namen nicht ausgesprochen hatte und somit den Zauber nicht unterbunden hat. Die Aussprache von Vermeidungssprüchen, um unwillentlichen Schaden zu unterbinden, ist ebenfalls eine weltweit verwendete Methode. So z.B. „fora affascinu, fora mal uochiu“ (fort Bezauberung, fort böser Blick“ oder die beim Gott schutzsuchenden Ausdrücke wie „God bless you“ oder „Dio ti benedica“. Auch hier habe ich Beispiele aus Süditalien und andere Regionen gefunden, wo Krankheits- bzw. Todesfälle auf das Weglassen der Vermeidungssprüche zurückgeführt wurden.[37] 

 

Die Verwendung des Begriffes Maschallah ist dermaßen eng mit dem Alltag in Iran verwoben, dass man sofort bei Verwunderung bzw. sobald man über etwas herausragendes staunt – auch wenn man überhaupt kein Interesse oder Gedanken an den „Bösen Blick“ hat – dieses Wort ausspricht. Wenn man z.B. im Restaurant einen Menschen sieht, der besonders viel essen kann, dann sagt man Maschallah, ohne ihn überhaupt zu kennen oder das Interesse zu haben böse Blicke fernzuhalten. Gleiches gilt, wenn z.B. bei einem Umzug einem Mann einer Umzugsfirma begegnet, der sehr muskulös und besonders stark ist und sich Stunden später über dessen Kraft und Muskeln unterhält. Auch hier sagt man: hast Du gesehen, was das für ein starker Bursche war und wie viel er alleine stemmen konnte? Maschallah. Als meine Tante gestern nach mehreren Jahren das erste Mal nach Deutschland gereist ist und meine Mutter sie nach einer entfernten gemeinsamen Bekannten gefragt hat und dabei wissen wollte, ob sie sehr gealtert sei, antwortete meine Tante: „nein, nein überhaupt nicht! Maschallah, sie schaut noch heute aus wie vor 10 Jahren.“ 

 


Inschallah

Ein weiterer Ausdruck, der jedem Iraner geläufig ist, lautet: Inschallah, was soviel bedeutet wie: „wenn Gott wünscht“. Dieser Begriff wird verwendet wenn man die Absicht hat etwas zu unternehmen, um den Erfolg zu garantieren und böse Blicke abzuwehren, da bekanntlich Gott alleine über die Zukunft entscheidet. Die Iraner verwenden sehr häufig hierfür auch einen persischen Ausdruck, der lautet: „be omide Khoda“ und wörtlich übersetzt bedeutet: „in der Hoffnung auf Gott“. Auch hier wird man im Koran nach der Autorisierung dieses Ausdruckes und deren Wurzeln fündig. So ist neben vielen weiteren Stellen des Korans unter anderem in Sure 18:25 zu lesen: „ Es sei denn: <<So Allah will>>. Und gedenke deines Herrn, wenn du es vergessen hast, und sprich: „Ich hoffe, mein Herr wird mich noch näher als dies zum rechten Wege führen““[38]. An einer anderen Stelle, genauer gesagt Sure 12:101 ist zu lesen: „(...) Wahrlich, mein Herr ist gütig zu wem er will; denn Er ist der Allwissende, der Allweise.“

 

Der Grund für das Aussprechen dieser Worte ist nun verdeutlicht: in der Religion des Islams ist Gott der Allmächtige in der Lage das  Böse und deren Abkömmlinge fernzuhalten und abzuwehren. Die Grundlage hierfür ist an mehreren Stellen im Koran nachzulesen. Der Begriff Inschallah ist ebenfalls so stark im alltäglichen Sprachgebrauch der Iraner verwoben, dass die Menschen automatisch bzw. ohne Hintergedanken diesen Begriff aussprechen, sobald sie von Absichten bzw. bevorstehenden Taten anderer hören. Wie bereits angesprochen findet im Iran sehr häufig der persische Ausdruck „be omide Khoda“ Verwendung. Wie wir im folgenden Abschnitt sehen werden, ist sowohl das persische Wort für Gott „Khoda“ als auch die arabische Bezeichnung „Allah“ eine sehr beliebte Aufschrift bei Amuletten und Talismanen, die Schutz gegen allen Böse gewährleisten sollen. 

 


Amulette und Talismane

Die Iraner haben sich jedoch auch noch andere Methoden als nur die Verwendung von Koranversen oder Gebete usw. einfallen lassen, um sich vor dem bösen Blick zu schützen, wie etwa das Verwenden von Amuletten und Talismanen. Dr. Peter W. Schienerl betrachtet den Unterschied zwischen Amulett und Talisman (abgeleitet aus Arabisch telasm: Zauberbild) nicht in den Objekten selbst, sondern in ihrer unterschiedlichen Bedeutung, die den Objekten durch den Benutzer beigemessen wird. So sieht derjenige, der an die zerstörerische Kraft des „Bösen Blicks“, Dämonen oder Ğinns glaubt eine schutzbringende, abwehrende Funktion des Objekts, womit dies als ein Amulett zu bezeichnen wäre, während andere, die sich als „aufgeklärt“ bezeichnen und nichts für diese Produkte alten „Aberglaubens“ übrig haben, diese Objekte als Talisman (Glücksbringer) benutzen, ohne ihm eine echte Wirksamkeit zuzuschreiben.[39]  Eine etwas andere Erklärung gibt allerdings Otto Koenig ab, der in seinem Buch die Meinung von A. Pfister publiziert, wonach Talisman weitgehend die gleiche Bedeutung hätte wie Amulett und sich durch die große, festmontierte Form von der  kleinen tragbaren Gestalt des Amuletts unterscheidet.[40]

 

Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass sich das Amulettwesen der Länder, in denen man an das „Böse Auge“ glaubt, teilweise enorm voneinander unterscheidet.

Im Iran verwendete Gegenstände sind ebenfalls regional unterschiedlich. Manche verwendete Objekte und Methoden in Teilen des Landes kommen in anderen Teilen überhaupt nicht vor und insgesamt kann man behaupten, dass die Sachen, die im folgenden Abschnitt aufgeführt werden, heute bei fast allen Menschen keine Rolle mehr spielen.

 

Diese Objekte waren u.a. Körperteile von Tieren wie z.B. Tigerzähne, Rehhufe, Tiger- bzw. Wolfskrallen oder das getrocknete Auge eines geopferten Schafs , das verarbeitet und als Anhänger u.a. bei Kindern benutzt wurde. Weiterhin wurden Kauri-Muscheln, die im Volksmunde als „bebin tarak“ (Augenknacker) bekannt sind, bestimmte Steine und Perlen, wie z.B. das Achat, das so geschliffen und geschnitten wird, das es ein Auge darstellt und als Anhänger oder Ring getragen wird und den Namen „baba ghouri“ trägt, was soviel wie „Vater der Habsucht“ bedeutet und äußerst wirksam und zuverlässig gegen das „Böse Auge“ wirken soll, verwendet.[41] So entstanden eine Reihe amulettwertige Schmuckstücke, die noch heute von vielen getragen werden, ohne dass diese vielleicht über dessen ursprüngliche Bedeutung Bescheid wissen. In den Dörfern und auf dem Land begegnet man gewiss noch heute Personen, die sich über die Wirkung und Wirkungsweise ihrer Schmuckstücke absolut bewusst sind. Man kann behaupten, dass zwischen Schmuck und Amulett keine exakte Trennungslinie gezogen werden kann.[42]

 

Die heutzutage wohl gängigsten und bekanntesten aller Objekte sind  „khar Mohre“[43] (in der Regel große, hellblaue Perlen aus Glas oder Keramik, die als Anhänger verwendet werden[44]), „nazar ghorbani“ (ähnlich wie khar mohre; Steine in weißer, schwarzer und blauer Farbe) und das  aus dem Orient bekannte, jährlich millionenfach verkaufte, sogar auf deutschen Märkten vorzufindende gläserne Auge in unterschiedlichen Ausführungen und Formen, sei es als Anhänger, Schlüsselanhänger, Armband, Ring, rundförmig oder flach- bzw. tellerförmig etc., wobei wir zu einem schwierigen und wohl noch nicht eindeutig geklärten, in den vorangegangenen Zeilen bereits zwei Mal erwähnten  Phänomen „Auge gegen Auge“ kommen. Die in der Magie sowie Volksmedizin gültigen Regeln „similia similibus“ und „contraria contrariis“ gelten wohl ebenfalls für diese angesprochene Abwehrmethodik.

 

Während bekannt ist, dass das Auge bzw. das Augenmuster bereits zu Urzeiten als ornamentales Motiv benutzt wurde, gilt zu klären worauf die erwünschte Wirkung im allgemeinen zurückzuführen ist. Nach Otto Koenig besteht sie aus drei wesentliche Komponenten, denen er die Funktion von „Einfangen“ und „Ablenken“ des Blickes voranstellt. Somit wäre der Amulettträger in der Lage, sein Gegenüber zuerst anzusehen. Dieses Zuvorkommen ist im Bereich der Magie als durchaus vorteilhaft zu bezeichnen. An dieser Stelle tritt die nächste vom Siegfried Seligmann (1910) ausgearbeitete Funktion des „Blickableiters“ in Kraft, dessen Aufgabe darin besteht, stets den Bösen Blick anzuziehen, von dem, was man schützen möchte abzulenken und intensiven Augenkontakt zu vermeiden. Die zweite Funktion wäre die „prophylaktische Abschreckung“, die bei zahlreichen Kult- und Brauchtumsmasken, Schreckfratzen und ähnlichen Objekten zur Geltung kommt. Die dritte Funktion ist die vermutete Unterstützung als „Sehhilfe bzw. „Organverbesserung“.[45] Dass der Untersuchungsgegenstand „Auge gegen Auge“ bzw. die Wirkungsweise des Augenmotivs als Schutzmaßnahme noch lange nicht befriedigend geklärt sind, verdeutlicht folgenden Aussage von Peter W. Schienerl: „Die Frage nach der Gründen der Amulettwertigkeit des Augenmotivs kann hier nicht erörtert und schon gar nicht beantwortet werden. Mit den Augendarstellungen sollen dem zerstörerischen Wirken des gefürchteten „Bösen Blicks“ begegnet werden, doch ist keinesfalls klar, auf welchem Wege diese Wirkung erzielt wird. Keine der Zahlreichen Vorschläge, die bisher zur Erklärung des apotropäischen Charakters des Auges vorgebracht wurden, kann wirklich als überzeugend gelten.“[46]

 

Mein persönlicher Eindruck tendiert allerdings mehr zu der ersten beschriebenen Funktion des Auges, nämlich dem Einfangen bzw. Zuvorkommen. Häufig sieht man in den Eingangsbereichen der Häuser der Iraner an den Lüstern befestigte, für andere nicht unbedingt sichtbare Perl-Augen. Hier ist wohl kaum von den anderen zwei Funktionen des Amuletts zu sprechen. Das Auge soll dem Bösen Auge zuvorkommen und dessen Wirkung außer Kraft setzen, bzw. es wie man im Volksmunde sagt, knacken. Der Träger des Bösen Blicks soll also selbst Opfer eines Auges mit Zauberkraft werden.

 

Da man – wie bereits erwähnt - eindeutig feststellen kann, dass Menschen etwas aufgefallen oder ins Auge gestochen ist, wenn sie es in Worte fassend bestaunen und es Menschen gibt, deren Augen über eine Zauberkraft verfügt und diese auch in Kraft treten kann, ohne bewundernde Worte, unternimmt man alles um deren möglichen bösen Blick abzuwehren, auch wenn er nur vermutet wird. Es könnte ja auch sein, dass jemand aus Neid einen Zauber bewirkt und dabei keine bewundernde Worte ausspricht. In der Regel sind die Menschen im engen Freundes- bzw. Familienkreis, die ein „salziges Auge“ haben, bekannt. Wenn diese Menschen anwesend sind und ihnen etwas schönes oder außergewöhnliches auffällt, werden sofort nachdem sie das Haus verlassen haben, Maßnahmen ergriffen um die negative Wirkung, welche durch ihre  Augen hervorgerufen werden könnten, zu unterbinden. Diese Schutzmaßnahme findet in fast allen Büchern kaum Erwähnung und bei meinen Nachforschungen bei Türken und Nordafrikanern habe ich festgestellt, dass sie typisch für den persischen Raum ist. 

 


Esfand

Frank Bliss schreibt in seinem Buch „Islamischer Volksglaube der Gegenwart“, dass es in der Regel wenig Hoffnung für die Opfer gäbe, falls versäumt wurde, diese vor dem „Bösen Blick“ zu schützen. Er schreibt weiterhin, dass es Völker gäbe, die einige Therapiemittel entwickelt hätten, um die Wirkung umzudrehen bzw. außer Kraft zu setzen, die aber weder vom Seligmann, noch vom Westermarck, der den marokkanischen Volksglauben erforscht hat, näher beschrieben werden. Die abschließende Bemerkung des Absatzes lautet: „Die Wirkung des Bösen Blicks ist damit gleichbedeutend mit der Krankheit, die von Gott selbst gesandt ist und für die es in der Regel keine Rettung gibt.“[47]

 

Eine in Iran sehr weitverbreitete und noch heute Verwendung findende Maßnahme, welche mögliche, potentielle und sichere Opfer von „nazar“ oder eines Bösen Blickes schützen soll, ist die Verwendung von „Esfand[48], einer speziellen Art von Weihrauch, der aus den Samen der Wein- bzw. Gartenraute gemischt mit den Blättern der Myrthe hergestellt wird. Als potentielle Opfer kommen auch alle Personen in Frage, die etwas erreicht haben, was den Neid anderer auslösen könnte, wie z.B. eine Braut, ein Bräutigam, jemand, der ein Haus baut oder kauft ... . „Esfand“ wird in der Regel beim Sonnenuntergang verbrannt und der Rauch wird dann über den Kopf des möglichen Opfers gekreiselt. Hierbei werden nun von Region zu Region unterschiedliche Floskeln ausgesprochen, die von sehr kurzen, fast von allen gebrauchten Sprüchen wie etwa:

„Cheshme hasud kur, cheshme hasud dur“ (geblendet sei das Auge des Neiders, fern bleiben soll das Auge des Neiders)

„beterekad cheshme hasud“ (platzen soll das Auge des Neiders)

 bis hin zu längeren ritualisierten, zeremoniellen Sprüchen (allerdings wieder selten und nur in den ländlichen Gegenden) wie etwa diese in Mashhad verwendete Beschwörung:

 

Esfand ki kasht?   Mohammad

Ki chid?   Ali

Ki dud kard?   Fatima

Az baraye ki?   Az baraye Hasan va Hossein

 

Übersetzt heißt dies:

Wer pflanzte die Weinraute?   Mohammad

Wer erntete sie?   Ali

Wer brannte sie?   Fatemeh

Für wen?   Für Hasan und Hossein[49]

 

oder folgenden längere Beschwörungen:

Esfand va Esfand dooneh     Esfand si va seh diineh

Az khish va ghoum va bigiineh

Har ke az darvazeh biroon beravad     har ke az darvazeh tu biyayad

Kur shavad cheshme hasud va bakhil

Ki kasht?   Peygambar

Ki chid?   Fatemeh

Baraye ki dud kardand?   Baraye Eman Hasan va Emam Hossein

Be hagh Shahe mardun     dard ve bala dur gardun![50]

 

Weinraute, Samen der Weinraute     Dreiunddreißig Samen der Weinraute

aus den eigenen Reihen, Verwandten und Fremden

Jeder, der durch das Tor hinausgeht     jeder, der durch das Tor hineinkommt

Erblinden soll das Auge des Neiders und des Geizigen

Wer pflanzte sie? Der Prophet

Wer erntete sie? Fatima

Für wen brannten sie sie?   Für Imam Hasan und Imam Hossein

Um den Willen des Königs der Menschen     halte Schmerz und Unheil fern von uns

 

oder

Esfand va sepand     Peygambar ma kard pasand

Ali kasht, Fatemeh chid     Bahre Hossein va Hasan

(...) zire zamin, ruye zamin, siah cheshm, arzag cheshm, zag cheshm, mish cheshm, har ke dide, har ke nadide, hamsaye daste chap, hamsaye daste rast, pishe ru, poshte sar, betarakad cheshme hasud va hosad[51]

 

Weinraute, Weinraute   Der Prophet hat sie ausgesucht

Ali pflanzte sie, Fatima erntete sie     Für Hossein und Hasan

(...) unter der Erde, auf der Erde, mit schwarzen Augen, mit hellen Augen, von dem , der gesehen hat, von den der nicht gesehen hat, von den Nachbarn auf der linken Seite, von den Nachbarn auf der rechten Seite, vorne und hinten, platzen soll das Auge des Neiders und der Neider.

 

Die oben erwähnten 5 Personen (persisch „panğ tan“) spielen in den religiösen Beschwörungen und Beschwörungsformeln der Iraner eine überaus wichtige Rolle. Hier handelt sich bekanntlich um den Propheten Mohammad, seiner Tochter Fatima, seinen Cousin und späteren Schwiegersohn Ali, der allgemein eine bedeutende Position innerhalb der islamischen Mystik (bei den Sufis z.B.) einnimmt und von den iranischen Schiiten als der legitime Nachfolger des Propheten und somit der erste von den 12 Imamen gilt, und die beiden Söhne aus der Ehe Alis mit Fatime Hasan und Hossein, welche zu ihrer Zeit der zweite bzw. dritte Schiitenführer waren. Der Imam Hossein spielt seinerseits eine große Rolle für das zeremonielle religiöse Leben der Schiiten. Animiert durch das fatale Schicksal Imam Hosseins, der in einem aussichtslosen Krieg gegen übermächtige Gegner sein Leben für das Gute ließ, werden die Ashura und Tasua während des Monats Moharram zelebriert, wobei sich manche Menschen zum Teil Selbstverstümmelungen zufügen, um an das Leid von Hossein und seines Gefolges zu erinnern. Diese Rituale stellen eine einzigartige Form der Esoterik dar, bei der durch eine Re-Inszenierung des Leidensweges der Märtyrer versucht wird, den richtigen Glauben erneut geltend zu machen.[52]

 

Manche Perser benutzen den Ausdruck „ be haqe panğ tan“, was soviel wie „um den Willen der fünf Personen“ bedeutet, in Beschwörungsformeln, wenn sie z.B. jemanden bitten möchten, Gnade vor Recht ergehen zu lassen, jemanden, der etwas schlechtes getan hat, verfluchen wollen oder jemanden bei einem schwierigen Unterfangen Glück wünschen wollen. Allgemein benutzen Perser die Namen von Gott, Koran und den Heiligen, um auf sie zu schwören, wenn sie beteuern, die reine Wahrheit zu sagen oder sie lassen andere auf sie schwören, um festzustellen, ob sie die Wahrheit sagen. Sie suchen auch Schutz bei ihnen, etwa beim Anblick von etwas furchteinflößendem oder befremdendem oder allgemein wenn eine Situation ausweglos erscheint. Die oben erwähnten 5 Heilige haben nur für die Iraner eine Bedeutung, da Iran bekanntlich das einzige Land der Welt ist, das fast ausschließlich aus den Anhängern der „Zwölfer Schi’a“ besteht.


 

Orakel

Wenn man annimmt, dass eine geliebte Person Opfer eines Bösen Blicks geworden ist, dann gibt es Methoden, mit denen man feststellen kann, von wessen Auge die Gefahr ausging und gleichzeitig die Zauberkraft dessen Auges zu annullieren. Über die Existenz dieser Methoden bin ich zwar seit meiner frühen Kindheit bereits informiert, gesehen habe ich die Ausführung dieser Orakel mit eigenen Augen nicht, was gleichzeitig bedeutet, dass sie wie bereits mehrfach angesprochen bei den einfacheren Menschen der ländlichen Regionen Irans und bei den sehr stark an den Bösen Blick glaubenden Menschen Verwendung findet.

 

Das bekannteste dieser Orakel ist die Verwendung eines Eies zur Bestimmung der Person, die einen Augenzauber ausgelöst hat und dient gleichzeitig dazu, die von diesem Auge ausgehende Gefahr zu bändigen. Dieses Orakel ist bei den Personen, die es anwenden in den Grundzügen gleich, unterscheidet sich jedoch in Ausführlichkeit und Einzelheiten der Ausführung von Region zu Region.

 

Meine Eltern haben mir schon als kleiner Junge erzählt, dass es Menschen gibt, die ein Ei an den beiden Enden mit den Fingern festhalten und die Namen der Personen ausrufen, die sie verdächtigen, einen Augenzauber bewirkt zu haben und dabei jedes Mal das Ei drücken bis es bei einem bestimmten Namen platzt.[53] Damit wäre zum einem festgestellt, wer der Mensch mit dem „salzigen Blick“ gewesen ist und zum anderen hätte man symbolisch das Auge des Neiders oder Bewunderers zum platzen gebracht und somit die Gefahr gebannt. Meine Eltern, die beide an den „Bösen Blick“ glauben, haben diese Handlungsweise stets belächelt. Sie haben mir erklärt, dass dies nur einfache aus den Dörfern stammende Menschen tun würden. Ich habe die Ausführung eines solchen Orakels in der Tat nie gesehen. Auch meine Eltern haben nur davon gewusst und haben dies ebenso nicht mit eigenen Augen gesehen.

 

Wenn man sich nun die Begebenheiten des Eies vergegenwärtigt, fällt einem die Ähnlichkeit mit dem Auge auf. Als erstes käme hier die Ähnlichkeit der Form des Eies und des Auges. Als nächstes kommt die Abstraktion Eigelb/Eiweiß als Gegenstück zu Iris/Auge. Als drittes , dass man das Ei, ähnlich dem Auge zum platzen bringen kann. Das Platzen des Auges des Neiders wird wie bereits in den Abschnitten zuvor geschildert, bei vielen Vermeidungssprüchen gewünscht und wird mit dem geplatzten Ei auf einer abstrakten Ebene realisiert.

 

Sadegh Hedayat beschreibt in seinem Buch „Neyrangestan“ die oben beschriebene Methode wie folgt: Um den Schaden, der durch einen „Bösen Blick“ verursacht worden ist nichtig zu machen, schreibt man mit einem Stück Kohle den Namen des Kindes (es ist interessant, dass allgemein die Meinung herrscht, Kinder wären potentielle Opfer des Augenzaubers und somit die gefährdetsten Menschen) oder des kranken (hier wird verdeutlicht, dass man also Krankheiten auf den „Bösen Blick“ zurückführt) auf die eine Spitze und den Namen des Vater des Kindes bzw. Geschädigten auf die andere Spitze des Eies und dann zählt man die Namen aller Personen auf, die das Kind gesehen haben und markiert das Ei. Nun wird in einem getragenen Kleidungsstück des Kindes das Ei gemeinsam mit einer kleinen Menge Salz, Kohle und einem „Shahi“ (sehr alte persische Münze, deren Erwähnung aufzeigt, wie alt diese Vorgehensweise tatsächlich ist) platziert und über dem Kopf des Kindes positioniert. Dann werden die vorhin erwähnten Namen erneut ausgesprochen und die Person, bei deren Name das Ei platzt, hat den Augenzauber bewirkt. Mit dem Platzen des Auges ist nun auch das „salzige Auge“ geplatzt. Nun verreibt man eine kleine Menge des Eigelbs auf der Fußsohle und auf den Kopf des Kindes und schenkt die Münze einem Bettler bzw. Bedürftigen.[54] Letzteres ist allgemein als „nazry“ oder „sadaghe“ bekannt. Neben dem edlen humanitären Aspekte dieser Handlungsweise, stecken ebenfalls religiöse Gedanken dahinter.

 

Almosengeben gehört bekanntlich zu den fünf Säulen des Islams und ist im Iran sehr weit verbreitet und geschieht unter anderem, um den Segen Gottes oder schiitischer Heilige zu erlangen. Wenn man im Iran Bedürftigen oder Bettlern Geld gibt, wünscht man sich etwas dabei. In der Regel ist es Gesundheit und Wohlergehen für die eigenen Kinder oder deren Erfolg bei einer bestimmten Prüfung etc. Oft flüstert man nur den Namen der Personen, denen das gelten soll. Da dies als besonders verdienstlich gilt, erhofft man sich dadurch, dass Gott das Unglück, Krankheiten, alles Böse oder Üble von den Kindern fernhält. Die Bettler, die eine Gabe erhalten, beten laut für alle Verstorbenen und Kinder derjenigen, von denen sie das Geld erhalten haben und bitten Gott um Segnung dieser Person und deren Familie. Das Beten von Bedürftigen gilt im allgemeinen nach einer vollbrachten guten Tat als besonders wirkungsvoll. Almosen werden aber auch gegeben, nachdem man einer großen Gefahr oder dem Tod nur knapp entgangen ist. Nach einem schweren Autounfall oder einer schweren Operation zum Beispiel. So zeigt man Gott seine Dankbarkeit für das Glück im Unglück und dafür, dass er Erbarmen hatte und das schlimmste verhindert hat. Eltern, deren Kinder in Europa oder Amerika studieren, geben regelmäßig Almosen, in der Hoffnung, dass Gott ihre Kinder beschützt. „Nazrys“ finden auch häufig in der Form von Armenspeisungen statt. Sehr viele Iraner geben aber „nazrys“ oder „sadaghe“, ohne dass sie einen besonderen Anlass darin sehen, weil es sich für einen guten, gläubigen Moslem gehört, dies zu tun. Allgemein ist das Almosengeben eng verwoben mit der orientalischen Kultur, was sich viele Bettler zu Nutze machen.

 

Nach diesem kurzen Exkurs kehre ich zum eigentlichen Thema dieser Arbeit zurück. Es gibt eine Reihe weiterer Methoden zur Bestimmung von Personen, deren Böser Blick Unheil angerichtet hat, die aber kaum jemand kennt und heute überhaupt keine Bedeutung mehr haben. Die einfache, an erster Stelle von mir beschriebene Methode wird mit Sicherheit von einigen Personen noch heute durchgeführt. 

 

 

Eigene Erfahrung

An dieser Stelle möchte ich aus eigener Erfahrung der früheren und aktuellen Tage berichten.

Ich stamme aus einer über Generationen in Städten lebende Familie, deren Mitglieder – fast alle Akademiker – nach wie vor überwiegend an das böswillige Auge glauben. Noch heute unternimmt meine in Deutschland lebende, über einen Universitätsabschluss verfügende, bereits in der frühen Jugend nach Europa und später nach Amerika gereiste, nicht streng gläubige, sich als nicht abergläubisch empfindende Mutter Maßnahmen, um ihre Kinder vor dem Blick neidischer oder das Böse in sich tragender Menschen zu schützen. Unsere Familie bekam vor kurzem Besuch aus London, Köln und Teheran (jedoch zu unterschiedlichen Zeiten), der für die Dauer des Besuches bei meiner Mutter wohnten. Jedes Mal, wenn eine der drei Besuchergruppen abgereist waren brannte meine Mutter Esfand und kreiste den Rauch über die Köpfe von meinen Geschwistern und mir. Als ich scherzhaft nachfragte, wessen bösen Blick sie denn befürchte, antwortete sie: „unsere Besucher haben euch drei nach so langen Jahren gesehen und haben so viel geschwärmt, was ihr doch für tolle Kinder seid..., sie haben mich angerufen und gesagt, sie hätten allen Freunden und Bekannten nur gutes über euch erzählt, so dass ich nun befürchte, ihr könntet Opfer von „nazar“ werden.“ Hier wird wieder einmal ersichtlich, dass man also nicht nur den Blick von anwesenden Personen, sondern auch das Berufen durch dritte, gar nicht anwesende Personen befürchtet. Dieses Berufen geschieht in Kombination mit lobenden und preisenden Worten. Der Faktor Neid kann, muss jedoch nicht unbedingt eine Rolle spielen.

 

Meine zwanzigjährige Schwester erzählte mir vor kurzem als ich sie darauf ansprach, was sie denn nun wirklich über den „Bösen Blick“ denke und wie denn ihre Einstellungen zu diesem Phänomen sei, folgende Geschichte: „Als sie letztes Jahr im Iran Urlaub machte, bestand meine in Teheran geborene und aufgewachsene Cousine ihren Führerschein. Aus diesem Anlass schenkten ihr ihre Eltern einen Neuwagen. Als sie das erste Mal mit meiner Schwester und unseren beiden anderen Cousinen mit dem Auto fahren wollte, unternahmen die Mädchen etwas sehr interessantes, um den „Bösen Blick“ abzuwehren. Sie besorgten sich 4 Eier, welche sie sorgfältig unter jedem Reifen des Autos platzierten. Meine Cousine hat dann das Auto in Bewegung gesetzt, was zur Folge hatte, dass alle vier Eier unter den Reifen platzten. Diese Handlungsweise symbolisiert, wie bereits im vorhergehenden Abschnitt besprochen, das Platzen des Auges möglicher Neider oder Bewunderer, die eine Gefahr darstellen könnten. Diese Handlungsweise zur Vermeidung von „cheshm zakhm“ war mir bis dato unbekannt und zeigt, dass man angepasst auf bestimmte Situationen, neue unkonventionelle Schutzmaßnahmen entwickelt und ergreift, was wiederum ein Beleg für die Dynamik dieses Themenkomplexes ist.

 

Ich selbst habe erst nachdem ich meiner Aufmerksamkeit diesem Themenbereich meiner Magisterarbeit gewidmet hatte an der Wand meiner Küche ein Amulett bemerkt, das vor mehr als 3 Jahren von meiner Mutter dort befestigt wurde und von mir niemals bewusst wahrgenommen wurde. Sensibilisiert durch das Thema meiner Arbeit, ist mir das Amulett aufgefallen und hat mich in mehrfacher Hinsicht erstaunt. In erster Linie, dass ich selbst mit diesem Phänomen in so enger Kontakt stand, ohne dass es mir bewusst gewesen ist, des weiteren dass ich das Hängen des Amuletts untbewusst akzeptiert und mich nie daran gestört habe.

 

Es gibt mit Sicherheit den einen oder anderen Perser, der den „Bösen Blick“ als Aberglaube abstempelt und als lächerlich empfindet. Man muss sich jedoch fragen, weshalb denn noch so viele Iraner und andere Völker an den bösen Blick und deren Auswirkungen glauben und muss dann eingestehen, dass die korrekte bzw. gerechte Bezeichnung dieses Phänomens eher Volksglaube und keineswegs Aberglaube lauten sollte.

 

 
 

 
[1] Hauschild: Der Böse Blick, S. 1-6

[2] Koenig: Urmotiv Auge, S. 79ff.

[3] Koenig: Urmotiv Auge, S. 108

[4] Seligmann: Die Zauberkraft des Auges und das Berufen, S.

[5] Koenig: Urmotiv Auge, S. 76

[6] Koenig: Urmotiv Auge, S. 104

[7] Spitz: Die Entstehug der ersten Objektbeziehungen, S. 54

[8] Hauschild: Der böse Blick, S. 66[

9] Foster: Peasant Society and the Image of Limited Good in A.A., Bd. 67 S. 293 - 301

[10] Foster: The Anatomy of Envy[

11] Hauschild: Der böse Blick, S. 69

[12] Spooner: The Evil Eye in the Middle East in Douglas S. 314 ff.

[13] Rush: Witchcraft and Sorcery, S. 27

[14] Bliss: Islamischer Volksglaube der Gegenwart, S. 36

[15] Seligmann / Bliss: Islamischer Volksglaube der Gegenwart, S. 36 / Donaldson: The wild Rue, S. 14

[16] Donaldson: The wild Rue, S. 13

[17] Volkstümliche Erzählung im Iran

[18] Hentschel: Geister, Magier und Muslime S. 78

[19] Donaldson: The wild Rue, S. 16; Erzählungen meiner eigenen Verwandtschaft v.a. Mutter und Großmutter

[20] Koenig: Urmotiv Auge, S. 103

[21] Seligmann: Die Zauberkraft des Auges und das Berufen, S. 117

[22] vgl. hierzu Koenig: Urmotiv Auge, S. 103

[23] Donaldson: The wild Rue, S. 17

[24] Donaldson: The wild Rue, S. 15

[25] Hauschild: Der böse Blick, S. 95

[26] Seligmann: Die Zauberkraft des Auges und das Berufen, S.

[27] Seligmann: Die Angst vor dem Blick

[28] Donaldson: The wild Rue, S. 14/15

[29] Bliss: Islamischer Volksglaube der Gegenwart, S. 37

[30] Hauschild: Der böse Blick, S. 96

[31] Koenig: Urmotiv Auge, S. 110 - 120

[32] Donaldson: The wild Rue, S. 15

[33] Khorramshahi: Cheshm Zahkm in Encyclopaedia of Shi’a, S. 565 / Donaldson: The wild Rue, S. 14

[34] Pielow: Die Quellen der Weisheit: S. 138

[35] Khorramshahi: Cheshm Zahkm in Encyclopaedia of Shi’a, S. 565

[36] Donaldson: The wild Rue, S. 14

[37] Hauschild: der böse Blick, S. 104 ff.

[38] Donaldson: The wild Rue, S. 14

[39] Schienerl: Aus den Sammlungen der DIKK (varia), S. 20

[40] Koenig: Urmotiv Auge: S. 122 ff

[41] Hedayat: Neyrangestan: S. 80

[42] Schienerl: Aus den Sammlungen der DIKK (varia), S. 43

[43] Siehe Anhang, Abb. 14

[44] Vgl.: Koenig: Urmotiv Auge: S. 215

[45] Koenig: Urmotiv Auge: S. 124 ff

[46] Schienerl: Aus den Sammlungen der DIKK (varia), S. 15

[47] Bliss: Islamischer Volksglaube der Gegenwart, S. 44

[48] Siehe Abb. 16 in Anhang

[49] Donaldson: The wild rue

[50] Hedayat: Enzyklopädie des Volksglauben im Iran, S. 45

[51] Hedayat: Neyrangestan, S. 33

[52] Motamedi, 1999 Rituals of Death in Iran, A History

[53] vgl. Donaldson: The wild Rue, S. 22

[54] Hedayat: Neyrangestan, S. 32

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